Die steile Treppe mündet in einen verlassen wirkenden Flur. Alle Türen sind verschlossen, Schilder fehlen. Ob ich hier richtig bin? Eine Tür öffnet sich – ich werde freundlich angelächelt.
Zukunftsträume hinter Backsteinmauern
»Sie suchen Frau Eikenberg?« Der Mann zeigt hilfsbereit durch den Korridor. »Da drüben!« Es ist mein einziger kurzer Kontakt zu einem der Bewohner hier im Heimathof Ruhr, einer sozialtherapeutischen Einrichtung, die Stiftung Bethel seit elf Jahren für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung in Ickern betreibt. Aber was habe ich auch erwartet? Aktuell sind 19 Männer zwischen 21 und 65 Jahren in dem imposanten Backsteinbau an der Friedhofstraße untergebracht. Die meisten von ihnen wollen ihr Bild – verständlicherweise – nicht in der Zeitung sehen. Zu sichtbar sind die Spuren, die das Leben in ihre Gesichter gegraben hat. Doch sie alle träumen von einer unabhängigen Zukunft – ohne Drogen, ohne Alkohol.
Eine traumatische Erfahrung, ein schwerer Verlust
»Bei uns werden die Männer auf das Leben vorbereitet«, erzählt mir die stellvertretende Bereichsleitung Sarah Eikenberg, deren Büro ich schließlich ausfindig gemacht habe. »Das ist es, was uns von einer reinen Schlafunterkunft unterscheidet: Der Heimathof bietet mehr als ein bloßes Dach über dem Kopf.« Alle Bewohner erhalten eine umfangreiche therapeutische Betreuung in Einzelgesprächen und Gruppentherapien. Gemeinsam arbeiten sie darauf hin, ihren Alltag irgendwann wieder selbstständig bestreiten zu können. Aber wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen auf der Straße landen? Bietet Deutschland nicht eines der stärksten Sozialsysteme weltweit? »Prinzipiell ja – doch die Umsetzung ist eben nicht immer so einfach«, sagt Sarah Eikenberg. Viele ihrer Klienten blicken auf jahrelange ›Drogenkarrieren‹ zurück – von Alkohol und Cannabis über Partypillen wie Ecstacy oder Koks bis hin zu Schmerztabletten und Heroin. »Das ist weit verbreitet – und zwar längst nicht nur in sozialen Brennpunkten. Manche sind ganz behütet aufgewachsen – und wurden durch eine traumatische Erfahrung oder einen schweren Verlust aus der Bahn geworfen. Davor ist niemand gefeit.«
»Wir können ihnen Zeit verschaffen«
Wenn sich die Abwärtsspirale erst einmal dreht, ist es schwierig, den Absprung zu schaffen. »Betroffene häufen bedingt durch ihre Suchterkrankung oftmals Mietschulden an«, weiß Sarah Eikenberg. »Irgendwann werden sie dann von ihrem Vermieter vor die Tür gesetzt. Oder sie fliehen vor Gewalt in der Partnerschaft. Um beim Jobcenter vorstellig zu werden und nach einer neuen Wohnung zu suchen, braucht es aber ein gewisses Maß an Organisation.« Und selbst wer die ersten Hürden meistert: »Der Wohnungsmarkt ist eine Vollkatastrophe. Und Abhängige entsprechen optisch nun einmal nicht immer dem, was Vermieter sehen wollen. Wenn dann noch Schufa-Einträge hinzukommen, haben sie keine Chance.« Die TherapeutInnen können solche und andere Hindernisse natürlich nicht komplett aus der Welt schaffen. »Doch wir können ihnen Zeit verschaffen, um einige Dinge gerade zu biegen.«
»Sie müssen den Berg nicht alleine bewältigen«
Die Vermittlung an den Heimathof Ruhr erfolgt häufig über Beratungsstellen. Manche Klienten bewerben sich auch direkt aus der JVA. Denn durch den sogenannten ›Therapie statt Strafe‹-Paragrafen ist es unter bestimmten Bedingungen möglich, die Haftstrafe gegen einen Therapieaufenthalt einzutauschen. Vor seinem Einzug muss der Betreffende eine professionelle Entgiftung durchlaufen. »Wir sind ein abstinentes Haus!«, betont Sarah Eikenberg. Es ist aber auch ein Haus für zweite Chancen. Rückfälle passieren – und werden aufgearbeitet. »Es ist wichtig, zu fragen: Warum wurde wieder konsumiert? Gab es eine emotionale Krise? Wie können wir so etwas künftig verhindern?« Wöchentlich findet eine Visite durch den leitenden Therapeuten statt. Darüber hinaus kooperiert das Team mit diversen Facharztpraxen. Viele Abhängige kämpfen mit gesundheitlichen Problemen wie Untergewicht, Zahnerkrankungen und Depressionen. »Wir kümmern uns um Arzttermine und die Krankenversicherung.« Oft bestehen Schulden, weil Formulare nicht eingereicht wurden. »Für einige ist es ein böses Erwachen, wenn sie hier bei uns ihre Postadresse einrichten und plötzlich die Mahnungen eintrudeln. Doch sie müssen den Berg nicht alleine bewältigen.«
Einfach mal wieder lachen
In der Arbeitstherapie werden berufliche Perspektiven entwickelt. Welche Grundlagen und Interessen sind vorhanden? Wie könnte man sich weiterbilden? Wo kann ein Praktikum absolviert werden? »Manchmal führt das zu einer Anstellung, und dann steht man bei einem potenziellen Vermieter gleich ganz anders da!« Unterstützung bietet der Heimathof Ruhr auch beim Erhalt und Aufbau von Sozialkontakten. »Vielleicht gibt es Freunde oder Familienangehörige, bei denen ein klärendes Gespräch helfen könnte.« Ergänzt wird das Programm durch Freizeitangebote. »Die meisten hier hatten in ihrem bisherigen Leben nicht viel Spaß.« In der Gruppe können sie schöne Dinge erleben, neue Hobbys entdecken und einfach mal wieder lachen: beim gemeinsamen Frühstück, beim Gärtnern, auf dem Minigolfplatz oder beim Kurztrip ans Meer. Und auch nach Abschluss ihres zweijährigen Aufenthaltes werden sie nicht allein gelassen: Das ›Ambulant Betreute Wohnen‹ von Bethel ist ebenfalls im Gebäude ansässig, eine Nachsorge unkompliziert machbar.
»Irgendwann machte es Klick«
Nicht allen gelingt es, ein neues Leben aufzubauen. Umso schöner sind die Erfolgsgeschichten. Sarah Eikenberg erinnert sich an einen jungen Mann, der in einem katastrophalen Zustand zu ihr kam. »Er war anfangs total reserviert und wehrte alle Ratschläge mit den Worten ab: ›Ja, ja, ich behalte es im Hinterkopf.‹ Das wurde zu einem Running Gag. Aber irgendwann machte es Klick. Er begann, über seine Probleme zu reden, und bewarb sich noch während seiner Zeit bei uns erfolgreich für ein Informatikstudium! Plötzlich trug er andere Klamotten und ging sogar zum Sport.« Sie schmunzelt: »Das Einzige, was wir ihm nicht abgewöhnen konnten, war, in offenen Schuhen herumzulaufen – darüber konnte man angesichts seiner tollen Entwicklung jedoch gut hinwegsehen. Später zog er in eine Studentenwohnung um, meldete sich aber noch ab und an. Beim letzten Telefonat erzählte er mir von seiner Abschlussarbeit. Ich war schwer beeindruckt. Er meinte nur: ›Ich habe Ihnen doch gesagt: Ich behalte es im Hinterkopf!‹«
